Corinna Steimel
Selçuk Dizlek – Die Sprache der Substanz
Anlässlich der aktuellen Einzelausstellung „in flux: LinieRaumLicht" in der Kunsthalle Schweinfurt stellt Selçuk Dizlek seine subtil die Gattungsgrenzen zwischen Malerei, Objekt, Relief, Bildhauerei, Interaktions- und Lichtkunst auslotenden Werkgruppen in einem beeindruckenden Zusammenspiel vor.
Der dieser vorliegenden textlichen Annäherung überschriebene Titel „Die Sprache der Substanz" ist auf Nachfrage beim Künstler auf unmittelbares Wohlgefallen getroffen. Und tatsächlich: Betrachtet man seinen bisher eingeschlagenen, sehr bedacht gewählten und teilweise gar analytisch verfolgten Werdegang genauer, verwundert seine Zustimmung keineswegs.
Beleuchtet man den künstlerischen Ansatz und den Werkausdruck des 1976 im unterfränkischen Schweinfurt geborenen Künstlers intensiver, fällt unvermittelt seine Zuneigung zur Materialität bei gleichzeitiger höchster Durchdachtheit in den Formgebungen ins sprichwörtliche Auge. Das sinnlich-intuitive und das handwerklich-kreative Zusammenwirken beider Komponenten, die sich aus seinem inneren Drang zum eigenhändigen Gestalten speisen, zieht sich wie der berühmte rote Faden durch sein gesamtes Kunstverständnis.
Faible für filigrane Formvollendung
All seine Kunstwerke sind von einer feinen Ausstrahlung und einer ebenmäßigen Anmutung bestimmt, die er im ausgeklügelten Herstellungsprozess durch die hingebungsvolle Auseinandersetzung seiner mit Vorliebe verwendeten Materialien erreicht.
Während und direkt nach seiner Studienzeit an der Kunstakademie Nürnberg hat Selçuk Dizlek sich zunächst noch überwiegend mit den Werkstoffen Eisen oder Messing beschäftigt. Ausschlaggebende Impulse für seine schöpferische Inspiration fand er in den wegbereitenden Arbeiten des Briten Anthony Caro (1924–2013), einem der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts.
Von diesen innovativen Herangehensweisen in der Historie der Bildhauerei zwar ermutigt, aber um gleichzeitig nicht Gefahr zu laufen, die soeben genannten übergroßen Vorbilder in ihren Formensprachen und Werkideen zu kopieren oder zu imitieren, hat sich Selçuk Dizlek schon immer intensiv seinen eigenen „Erforschungen" gewidmet.
Auf experimentelle Weise schweißt und/oder schmiedet er seine metallenen Arbeitsmaterialien in freien skulpturalen Form(er)findungen zusammen. Wie filigrane Zeich(nung)en im Raum geben sich die Plastiken dieser Werkgruppen erkennbar.
Durch die eigens entwickelte Technik der Verbindung der Eisenelemente miteinander als bewegliche Gelenke, weicht Selçuk Dizlek von seinem modernistischen Vorgänger ab, indem seine Gebilde nicht stativ bleiben, sondern sich durch Allansichtigkeit auszeichnen.
Glas, Glanz und Gewebtes
Neben der Verwendung von Metall sind Leuchtkästen oder -skulpturen, Lichtstelen oder -plastiken sowie Farbraumobjekte oder -reliefs aus reflektierenden, fluoreszierenden und transluziden Materialien wie Spiegel- oder Plexiglas spätestens seit den ausgehenden 2000er-Jahren nicht mehr aus seinem Repertoire wegzudenken.
Seine aus durchscheinend bunten wie farbneutralen Acrylglasteilen bestehenden Formationen, die im Sinne einer geometrisch-abstrakt-konkreten Grundform zu „Leucht- und Lichtstücken" gefasst werden, können sowohl aus sich selbst heraus, gesteigert durch natürlich einfallende Lichtquellen, als auch im abgedunkelten Raum unter Ultraviolett- oder Schwarzlicht-Beleuchtung farbenprächtigst erstrahlen.
Kunststoff im Kontext der Kunst
Die „Gebrauchsgeschichte" dieses im doppelten Wortsinn bedeutsamen „Kunststoffs" innerhalb der Zeit- und Kunsthistorie weist eine spannende Entfaltung auf. Über den Einsatz des geschichtsträchtigen Plexiglases in Verbindung mit den Phänomenen Licht und Farbe hinaus, reizt Selçuk Dizlek automatisch die Verschiebung seines ohnehin zwischen Malerei, Objektkunst und Bildhauerei changierenden, interdisziplinären Werks bis an die Genregrenzen zum Design aus.
Material als Materie der Magie
Die Welt des Lichts ist die Welt des Sehens sowie des Sichtbaren. Neben seinen lebensspendenden Eigenschaften hat es auf uns Menschen schon seit Anbeginn eine magische Anziehungskraft versprüht.
Selçuk Dizlek gehört zu derjenigen Riege von Kunstschaffenden, die das Faszinosum Licht als ein hauptsächliches Gestaltungsprinzip sowie als immaterielle Substanz mit einbeziehen und in seinen Werken auf kunstvolle Weise sichtbar macht.
Biegungen als Bausteine für Beweglichkeit und Betrachtungsweisen
Vom Motiv der Bewegung werden vor allem die als Kringel- und Kreisformationen oder die als Farb-Raum-Perforationen gebildeten Dizlek'schen Wandarbeiten beherrscht. Betrachtende möchten den Material-Bändern, die Kurven- und Bogenformen schlagen, zwar folgen, die Blicke werden aber immer wieder umgeleitet.
Was uns das Dizlek'sche Werk durch die „Sprache der Substanz" auf hintergründiger Ebene mit auf unsere weiteren Wege gibt, ist existentiell: Ein von eingefahrenen, erstarrten Verhaltensmustern abweichender Positions- oder Perspektivwechsel kann in positivem Sinne als eine bereichernde und lebens(er)füllende Horizonterweiterung erfahren werden.