Flexibilität als Maxime
Bereits während seines Studiums an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg bei Werner Knaupp begann Selçuk Dizlek mit Eisen zu experimentieren. Dass Eisen sein Material ist, war schnell klar. Doch auf welche Weise verortet man sich als junger Bildhauer, der mit Eisen arbeitet? – Zunächst interessierte sich Selçuk Dizlek für die Eisenplastiken Eduardo Chillidas und Anthony Caros. In Caros Werken lässt sich beispielsweise eine zentrale Wurzel seiner Arbeit erkennen, da auch Caro mit Linien aus Eisen Raum definiert. Allerdings fixiert Caro die Einzelteile seiner Plastik, indem er sie miteinander verschweißt. Dizlek hingegen entwickelte eine neue Variante der Verbindung. Er zersägte einen Eisenstab in kleine Stücke, bohrte Löcher in beide Enden und verschraubte die Einzelteile miteinander. Die Verschraubungen fixierten die Eisen jedoch nicht, sondern ließen Spiel, so dass die Verbindungen ständig neue Formen annehmen konnten.
Die Arbeiten mit Eisen entwickelte Selçuk Dizlek in den letzten Jahren weiter. Aktuelles Ergebnis ist die Installation „Salong in Process", die im Kunstverein Schweinfurt als raumschaffendes und raumgliederndes Werk gezeigt wird. „Salong in Process" muss betreten und durchschritten werden. Es markiert den Übergang, aber auch das verbindende Element beider Ausstellungsbereiche. Prägnant verdeutlicht es die formale und inhaltliche Maxime seines Ouevres: die Flexibilität.
Material – Verbindung – Raum – Form – Farbe – Licht – Arbeitsweise – Inhalt.
Material
Ausgangsmaterial von Selçuk Dizlek ist das rohe, blanke Vierkanteisen. Blankes Eisen ist unbehandeltes Eisen. Es glänzt nicht, sondern wirkt oxidiert nahezu schwarz. Eisen ist ein schweres Material mit langer Geschichte. Um die Eisenstäbe miteinander zu verschrauben, verwendet Selçuk Dizlek Edelstahlschrauben. Im Gegensatz zum Eisen ist dieses Material modern. Die kleinen, hell glänzenden Schrauben kontrastieren geschickt das schwere Eisen.
Selçuk Dizlek verwendet darüber hinaus Messing, das eine Legierung aus Kupfer und Zink ist. Wird es poliert, glänzt es wie Gold. Dass es oxidiert und sich damit optisch wandelt, „ist Teil der Arbeit", stellt Selçuk Dizlek fest. Verschiedene Arten von Plexiglas gehören ebenfalls zum Materialrepertoire Dizleks.
Verbindung
In den Arbeiten Selçuk Dizleks spielt die Verbindung der verschiedenen Materialien eine entscheidende Rolle. Maxime seiner Arbeiten ist die lose Verbindung. Dadurch bleiben Dizleks Werke veränder- und korrigierbar sowie flexibel. Sie können stets an die Räume angepasst werden, in denen sie präsentiert werden. Die Flexibilität als Maxime spiegelt eine Grunderfahrung Dizleks, in der das Veränderliche das Absolute ersetzt.
Raum
Jeder Raum ist anders. Jeder Raum erfordert seine besondere Antwort. Jeder Raum bietet andere Herausforderungen. Selçuk Dizleks flexibles Materiallager erlaubt spezifische künstlerische Handlungen, die sich auf den jeweiligen Raum beziehen. Um den Raumbezug optimal zu erreichen, nähert sich Dizlek dem Raum sukzessive an. Er betrachtet ihn, erstellt Zeichnungen, baut Modelle.
Form
Die Tondi scheinen eine Zwischenform zwischen Bild und Objekt einzunehmen. „Mich interessiert die runde Form als neue Form gegenüber dem Rechteck. Wie kann man das Rund in Griff bekommen, in dem es kein Oben und kein Unten gibt?" Durch die verschiedenen Größen der integrierten Formen und Vierkantstäbe entstehen Bewegung und Rhythmus.
Farbe
Wird farbiges Plexiglas geschichtet, entstehen Farbmischungen. Gelbes Plexiglas, das rotes überlagert, schafft warmes Orange. Kommt zusätzlich Opalglas in die Schichtung, werden die Übergänge vielfältiger. Abhängig vom Betrachterstandpunkt ergibt sich so ein vielfältiges Spiel aus farbintensiven, feinen, vertikalen Linien und großen transparent-farbigen Flächen.
Licht
Selçuk Dizlek unterstützt die Veränderlichkeit seiner Arbeiten mit fluoreszierendem Plexiglas, aber auch mit LEDs und Schwarzlicht. Tages- und kunstlichtabhängig verändern sich die Arbeiten und erscheinen in neuem Licht. In seiner Wesenhaftigkeit bildet das Licht den stärksten Gegenpol zum materiellen Eisen.
Arbeitsweise
Selçuk Dizlek formt nahezu alle Bestandteile seiner Arbeiten selbst. Er sägt, feilt, bohrt und schraubt seine Einzelteile zusammen. „Ich will nichts Überflüssiges. Alles muss zwingend notwendig sein. Die Arbeit muss durch nachvollziehbare Elemente ihre Form erreichen. Sie muss eine bildnerische Logik aufweisen, keiner äußeren Gesetzmäßigkeit, sondern einer inneren Richtigkeit folgen", so Selçuk Dizlek.
Inhalt
Selçuk Dizlek bildet nichts ab, er illustriert nichts. „Ich will etwas von einem Raum vermitteln, Kräfte und Energiefelder zeigen, Wucherungen entstehen lassen, Raumgebilde schaffen, mit dem Raum und gegen den Raum arbeiten. Es geht mir nie darum, etwas nachzubilden. Ich will etwas Erhabenes in die Welt setzen." Selçuk Dizleks Werke sind eine kluge Vernetzung zwischen traditionellen und aktuellen Aspekten, zwischen geregelten und freien künstlerischen Prozessen sowie zwischen morgen- und abendländischer Kunstsprache.
Autor: Tobias Loemke (*1974) ist Künstler und Dozent am Lehrstuhl für Kunstpädagogik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.