Leuchtstücke

„Leuchtstücke" von Selcuk Dizlek in der BBK-Galerie

Sehr geehrte Damen und Herrn, lieber Selcuk!

Wir stehen im Dunkeln und nur die Kunst leuchtet. So soll es sein! Lassen Sie mich trotzdem versuchen, auch noch mit Worten vielleicht etwas zu Ihrer Erleuchtung beizutragen:

Als der in Würzburg ansässige Bildhauer Tilman Riemenschneider im Jahr 1492 auf die farbige Fassung des sog. „Münnerstädter Altars" verzichtete, lag er damit im Trend seiner Zeit, der Renaissance: nördlich der Alpen war er zwar der Erste, der puristisch auf die Materialität des blanken Holzes zur Betonung seiner Virtuosität vertraute, in Italien allerdings hatte man schon längst im Zuge der enthusiastischen Wiederentdeckung antiker Plastiken den bleichen Marmor zum Ideal der Bildhauerei erklärt. Ein folgenschweres Missverständnis, denn die griechischen Originale waren ja ursprünglich bunt!

Dizlek arbeitet abstrakt.

Er benutzt dabei den strengen geometrischen Formenkanon, der kunstgeschichtlich der „Konkreten Kunst" zuzuordnen ist. Er bildet keine Naturformen ab und verwendet Materialien, die schon industriell vorgefertigt sind, wie z. B. Vierkanteisen und Röhren, in dieser Ausstellung Plexiglas.

Dizlek arbeitet handwerklich.

Nicht nur, dass sein Material aus dem Fundus eines gut ausgestatteten Baumarktes zu stammen scheint, auch seine Arbeitsweise entspringt - wie beim befähigten Heimwerker - aus einer Liebe zum Material, die ihn eine industrielle Fertigung seiner Werke ebenso undenkbar erscheinen lässt, wie einen genialisch-chaotischen Zugriff.

Dizlek spielt.

Überall in seinen Objekten und Installationen befinden sich bewegliche Teile, die dem Künstler, aber auch dem behutsamen Betrachter erlauben, das Werk zu variieren, weiterzuentwickeln und dem jeweiligen Raum anzupassen. Der Wunsch nach Dynamik und der Visualisierung von Energie ist spürbar.

Dizlek irritiert.

Da, wo die Kollegen von der Konkreten Kunst die kühle Klarheit der Formen sprechen lassen, verschleiert er die Form durch transparente Farbschichten. Wo unser Auge ein statisches System erkannt haben will, setzt er eine Abweichung. Wo der klassische Bildhauer den Raum durch Objekte in Beschlag nimmt, lässt Dizlek das Medium der Maler, die Farbe, durch Schwarzlicht gesteigert, den Raum durchdringen.

Selcuk Dizlek ist ein „unorthodoxer Vermischer" geworden, wahrscheinlich auch schon immer gewesen, denn als klassischen Bildhauer habe ich ihn nie erlebt. Er ist einer, der zusammenbringt, was leicht als nicht vereinbar erscheint: die Bildhauerei mixt er mit der Farbe, das Wandobjekt lässt er raumgreifend ausstrahlen, die strenge Logik unterläuft er durch Intuition, die klare Form entzieht er durch Farbschleier, das Statische erhält Dynamik.

Gerhard Rießbeck